„Lass doch einfach los!“ Wenn Loslassen dir schwer fällt…

Kommen dir solche Momente bekannt vor? Du hast eine schmerzliche Erfahrung erlebt und du willst endlich loslassen. Aber es gelingt dir nicht, so sehr du es auch versuchst? Ich kann dich so gut verstehen! Denn Loslassen ist wohl eines meiner Lebensthemen, welches mich in regelmäßigen Abständen immer wieder heimsucht. Und dich vermutlich auch. Denn das Leben stellt Jeden von uns immer wieder vor Situationen, in denen uns keine andere Wahl bleibt, als uns mit dem Loslassen zu beschäftigen. 

Ich fragte mich so viele Jahre meines Lebens, wie ich denn bitteschön loslassen soll? Vielleicht fragst du dich auch ab und zu, was denn das Geheimnis des Loslassens ist? Ist es wirklich so leicht, wie Viele sagen? Bekannte oder Freunde raten dir vielleicht, wenn du ihnen von einer Erfahrung aus deinem Leben berichtest, die dir nicht guttut und dir möglicherweise Schmerz zufügt: „Lass doch einfach los!“

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in meinem Leben bereits gehört habe. Wenn es so einfach wäre, hätte ich es doch schon längst getan war auf solche Aussagen von Freunden immer meine zugegeben etwas patzige Reaktion. Ich weiß, sie meinten es nur gut, aber ich war es leid, mir immer und immer wieder diese Floskel anhören zu müssen. 

Wie oft habe ich in Bezug auf schmerzhafte Gefühle aus meinem Umfeld mit einem stolzen Unterton gehört: „Das habe ich losgelassen“ – diese Worte klingen in den meisten Fällen als müsste derjenige, der sich die Worte sagt, noch daran arbeiten, sich selbst zu glauben. Ich las in etlichen Ratgebern, Broschüren und Blogartikeln von Psychologen und Coaches, dass man den Blick doch einfach nach vorne richten und sich eine tolle Zukunft manifestieren solle, weg von der belastenden Situation hin zu einem neuen Weg. 

Für mich ist das nicht stimmig und nach meiner Erfahrung ist es durchaus wichtig, sich bewusst für einen neuen Weg zu entscheiden, aber das hat in meinen Augen nichts mit Loslassen zu tun. Es ist lediglich eine klare und bewusste Entscheidung für einen Neubeginn. Diese Entscheidung kann ich so klar und bewusst allerdings erst treffen, wenn ich den Schmerz bereits gefühlt und zugelassen habe, wenn ich mir selbst erlaubt habe, zu trauern, zu fühlen und dadurch zu verarbeiten. 

Für mich ist echtes, wahres Loslassen die bewusste Hingabe an das, was ist. Und dabei bewusst jeglichen Versuch zu unterlassen, mich selbst und andere zu manipulieren. Denn dann geschieht das Loslassen wie von selbst. Es geschieht mit dem Fluss des Lebens. 

Echtes, emotionales Loslassen hat also nichts mit dem bewussten AbstandnehmenWeitergehen oder darüber hinweggehenzu tun, um einen schmerzhaften Verlust zu meistern. 

Wenn du unerwünschte Gefühle loslässt, was passiert dann? 

Nichts. Sie bleiben bei dir, wenn du dir noch nicht erlaubt hast, diese zu Ende zu fühlen oder vielleicht auch, diese überhaupt erstmal zu erkennen. Denn es tut in meinen Augen nicht deshalb weh, weil du den Schmerz festhältst, sondern weil er schlichtweg da ist. 

Für mich geht es beim Prozess des Loslassens darum, die Kontrolle loszulassen. Denn wenn du die Kontrolle über deine Gefühle loslässt und dir erlaubst, all das zu fühlen, was da gerade da ist, dann kannst du verarbeiten. Dann greift dein emotionales Immunsystem und bringt dich nach einer für deinen Körper, deine Seele und dein System angemessenen Zeit wieder ins Gleichgewicht. 

Ich habe bereits etliche Diskussionen mit mir sehr nahestehenden Freunden geführt, die mir immer wieder mehr oder weniger vorwurfsvoll die Frage stellten, „Warum dauert es bei dir so lange mit dem Loslassen?“ Oder auch Sätze, wie „Schau nach vorne, sag dir, dass du glücklich bist und alles gut ist“. 

Und jedes Mal wurde ich beinahe wütend, weil ich immer wieder sagte, „Nein, ich lasse meine Gefühle zu und gehe mein eigenes Tempo“. Denn wenn ich das nicht tue, dann verarbeite ich auch nicht richtig und dann wird es mich eines Tages wieder einholen. Und mein Weg der Verarbeitung hat nichts damit zu tun, dass ich gerne leide oder es mir Spaß macht, Schmerz zu empfinden. Ganz und gar nicht. Aber es bedeutet, dass ich mir endlich erlaube, wirklich zu fühlen, was da ist. Und dass es vielleicht ein bisschen länger dauert, als bei anderen Menschen kann daran liegen, dass jeder Mensch einzigartig ist und dass ich vielleicht einfach wahnsinnig tief empfunden und gefühlt habe und daher etwas mehr Zeit benötige, um schmerzhafte Erfahrungen und Erlebnisse oder auch Trennungen zu verarbeiten. Und das ist doch auch etwas Schönes, dass ich in der Lage bin, so tief zu empfinden, so sehr zu lieben und eine solche Nähe zuzulassen. Und eine plausible Erklärung dafür, dass es bei mir halt einfach etwas länger dauert mit dem Loslassen.

Es ist im Endeffekt vollkommen egal, weshalb es länger dauert… es dauert eben so lange, wie es dauert… und das ist okay. Du musst dich dafür nicht rechtfertigen – nicht vor anderen Menschen, aber auch nicht vor dir selbst. Erlaube dir, deinem Körper und deiner Seele die Zeit zu geben, die sie braucht! Und du darfst zeitgleich natürlich nach vorne gehen, dein Leben neu ausrichten und deinen Visionen und Träumen Raum geben! 

Das Eine hat mit dem anderen nichts zu tun… Loslassen hat nichts mit Aufgeben oder wiederwilliger Akzeptanz zu tun, auch nichts mit wegschicken. Wahres, echtes Loslassen setzt einen Heilungsprozess in dir in Gang und beinhaltet die Kontrollaufgabe über das Ereignis, über die Erfahrung, über das, was du nicht kontrollieren kannst. Und das gilt auch für die Gefühle, die du aufgrund des Ereignisses oder der gemachten Erfahrung in dir trägst. Gefühle von Schmerz, Trauer, Wut, Groll, Angst Nimm diese Gefühle an, denn sie sind ein Teil von dir und gehören gerade zu dir. Fühle was ist! 

Das Zulassen deiner Gefühle setzt einen Prozess in dir in Gang, der dich heilen lässt. Und dazu gehört unglaublich viel Mut und Vertrauen, deine eigene Verletzlichkeit zuzulassen, anzunehmen und dich dem zu stellen, was gerade da ist, ohne davor zu flüchten, davor wegzulaufen oder es einfach abschneiden zu wollen. 

Wenn du wirklich die Kontrolle über dich und deine Gefühle und andere Menschen und Lebewesen loslässt, erlaubst du dir und deinem Umfeld zu sein. Und das ist wiederum, was Yoga mich lehrte und jeden Tag aufs Neue lehrt. 

Um es in einem Bild auszudrücken: lasse mal die vielen Bälle, die du jonglierst, einfach fallen und erlaube ihnen, dahin zu rollen, wohin sie rollen wollen. Im tiefen Vertrauen, dass sie genau dahin rollen, wohin sie gehören. Ohne kontrollieren zu wollen, wohin sie sich bewegen und einfach nur zu beobachten. Wenn du das tust, gehst du ins volle, bedingungslose Vertrauen und überlässt alles dem Leben selbst.

Vielleicht kennst du das auch? Du hältst fest, weil du etwas kontrollieren willst, und Schmerz, Scham oder Angst vermeiden möchtest. Auch das wiederum funktioniert nicht. Der Prozess des Festhaltens und Loslassens ist ein natürlicher Prozess, den jeder von uns in seinem ganz eigenen individuellen Tempo geht. Bewusstes Loslassen bzw. Geschehen lassen – was ich den schöneren Begriff finde – setzt Demut voraus, und das Wissen, dass du nicht allmächtig bist. Und das brauchst du auch nicht zu sein, denn es gibt Jemanden, der sich darum kümmert, wenn du es abgibst. Ob du diesen Jemanden Gott, Lebensenergie, Chi, Universum, Schöpfung oder einfach Evolution nennst, das bleibt dir überlassen. 

Es gibt für mich zwei sehr hilfreiche Fragen zur Selbstreflexion, die du dir mal ganz ehrlich beantworten darfst:
Kann ich in diesem Moment noch etwas dazu beitragen, um mein Ziel zu erreichen und den gewünschten Prozess in Gang zu setzen?

Wenn du diese Frage mit „Nein beantworten kannst, dann gibt es nichts mehr für dich zu tun. So gerne du kontrollieren, festhalten, verändern würdest, von nun an nimmt das Geschehen seinen Lauf. Du kannst dich dagegen wehren, zu fühlen, was du tief in dir und deinem Herzen fühlst, aber mehr auch nicht.

Und so stelle dir jetzt bitte folgende Frage:
Bin ich bereit, zu fühlen, was ich wirklich in Bezug auf diese Erfahrung, dieses Erlebnis oder diese Situation fühle?

Wenn du an dieser Stelle ganz bewusst „Ja zu dir sagst, dann bist du auf dem Weg, deine Hände zu öffnen und dich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Und das ist meines Erachtens die klügste Strategie, die du haben kannst, um dein Leben zu meistern.

Denn du befindest dich in einer Zeit des Wachstums und der tiefen Transformation. Manches fühlt sich einfach schmerzhaft und schwer an. Und diese Gefühle dürfen sein. Du hast ein Recht darauf, sie zu fühlen. Und auch wenn sie dir an manchen Tagen vorkommen, wie riesige Monster, die dich beinahe verschlucken, gib dich ihnen hin, ohne Angst und in vollem Vertrauen, dass die Monster kleiner werden, wenn du ihnen tief in die Augen geblickt hast und deinen Gefühlen Raum gegeben hast. 

Denn so entsteht Raum für Heilung! Raum, um die Dinge geschehen und fließen zu lassen… auch deine Tränen… und dann setzt der Prozess des Loslassens ganz natürlich und von alleine ein. 

Du wirst an jeder noch so schmerzhaften Erfahrung deines Lebens wachsen, stärker werden und eines Tages darauf zurückblicken und mit einem Lächeln sagen können „Ich habe das damals gemeistert und es hat mich zu der wundervollen Person gemacht, die ich heute bin!“ Du wirst für jede Erfahrung – so schmerzhaft sie auch war – auf eine Art und Weise dankbar sein, auch wenn dir das im jetzigen Moment noch unmöglich erscheinen mag. 

Gib dir Zeit und wenn dir das ganze Fühlen mal zu viel wird: Drehe deinen Lieblingssong ganz laut auf und tanze durch die Wohnung! Danach wirst du dich ein bisschen leichter fühlen, versprochen!

Deine Nadine Patrizia 

Ein Kommentar zu „„Lass doch einfach los!“ Wenn Loslassen dir schwer fällt…

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